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Leitartikel zur Ausgabe Nr. 596, Schwerpunkt Kameras

Liebe Leserinnen und Leser,

wie würde die Welt heute ausschauen, wenn Steve Jobs vor 13 Jahren sein i-phone dem amerikanischen Kongress vorgestellt hätte, dieser die Patente gekauft und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt hätte? Diese Vorgangsweise ist heute völlig undenkbar, aber genau das stand am Beginn der Fotografie. 1839 kaufte die französische Nationalversammlung die Erfindung von Daguerre, die Daguerreotypie, und schenkte sie der Weltöffentlichkeit. Man war überzeugt davon, dass diese Erfindung allen Menschen zur Verfügung stehen sollte. Und so trat die Fotografie ihren Siegeszug an.
Auf der einen Seite ist die Fotografie eine ununterbrochene Serie von technischen Neuentwicklungen. Zu Beginn gab es die unterschiedlichsten Techniken, um Bilder zu fixieren. Es dauerte Jahrzehnte, bis Menschen nicht mehr viele Minuten vor der Kamera verharren mussten, um ein scharfes Bild zu erzielen. Die Kameras passten zuerst auf einen Wagen und wurden dann immer kleiner. Es entstand die Kompaktkamera, die Farbfotografie, der Kleinbildfilm, zahllose Objektiventwicklungen, Diapositive, Polaroid bis hin zur Revolution der digitalen Fotografie. Heute ist in aller Selbstverständlichkeit in jedem Handy eine Kamera integriert und die Grenzen zum Film verfließen immer mehr. Von dem weiten Feld der Überwachungskameras gar nicht zu reden.
Auf der anderen Seite ist die Geschichte der Fotografie eine Entwicklung der Sehgewohnheiten, die auch immer politische Aspekte hat. Die erste Aufgabe, die die Fotografie übernahm, bestand darin, Portraits einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Was früher nur Herrschern und Fürsten möglich war, ein Bild von sich zu konservieren, war auf einmal auch für jeden Handwerksburschen und jede Magd möglich. Das, was für wichtig gehalten wird, in den Fokus der Kamera zu rücken, prägte schon immer die Bildauswahl. Kriegsparteien zeigten ihren Teil der Wahrheit. Die US Farm Security Administration stellte in den 30er Jahren Fotografen an, um mit deren Bilder über die Armut der Bauern den US-Kongress zu einem Förderprogramm für dieselben zu bewegen. Präsident Obama hat seit seinem Wahlkampf 2007 einen eigenen Fotografen, der ihn ins rechte Licht setzt, da dunkelhäutige Menschen auf Fotos schnell düster und unsymphatisch wirken. Was die Zukunft der analogen Fotografie bringt, wird sich zeigen. Sie ist mindestens von zwei Charakteristika geprägt: vom Alltagserleben jedes Handybesitzers und von der Phantasie der Bildbearbeiter. Die Frage nach der Relevanz und des Wahrheitsgehaltes eines Bildes hat jedenfalls nichts an Aktualität eingebüßt.

Irene Kernthaler-Moser
Fotografin und Buchentwicklerin, Wien
www.ikm-reportagen.net, www.mehrenergie-consulting.com